Fragged by the Innenministers

Mit Verlaub, aber jetzt ticken sie alle aus. Nach dem menschlich in jeder und doppelter Hinsicht tragischen Amoklauf von Emsdetten (was nicht weit von hier liegt), scheint nach dem medialen ein politischer zu folgen.

Denn seit plötzlich ganz Deutschland nur noch über *Killerspiele* spricht (also in der Masse solche Leute, die überhaupt nicht den geringsten Dunst haben, was das überhaupt ist) und allein durch die Verwendung dieser neuen, martialischen Wortschöpfung an allen vorbei redet, die sich damit beschäftigen (denn Killerspieler nennen ihre Games nicht Killerspiele sondern *Ego-Shooter*), wollen jetzt laut eines Berichtes von SPIEGEL Online zwei Innenminister ganz im Süden und weit im Norden die Knäste mit Kundschaft beglücken. Indem sie dem Einzelhandel ebendiese entziehen. Weil, so postulieren die Kollegen Beckstein (Bayern) und Schünemann (leider: Niedersachsen), wer Ego-Shooter verkauft, gehört eingelocht. Und wer sie spielt, der auch. Ja, freilich. Und sowieso.

Damit wir uns nicht missverstehen: Ego-Shooter zu spielen ist nicht schön und macht nicht besonders schlau. Aber sie sind — ob man das jetzt lesen will oder nicht — die Übersetzung der Erbsenpistole ins dritte Jahrtausend. Oder banalerweise die historisch und soziologisch erfolgte Steigerung des Cowboy-und-Indianerspiels. Ego-Shooter reizen nun mal unter Zuhilfenahme aufwändiger Elektronik bestimmte hormongesteuerte Fantasien perfekt aus. Und es geht gar nicht ums Testosteron, inklusive verherrlichender Gewaltanwendung bzw. Draufhauen- und Totmachenwollen. Es geht auch ums Adrenalin: Doom, Unreal, Quake, Half-Life, Counter Strike, Enemy Territory und wie sie alle heißen mögen, sind Ersatz-Bungee-Jumping für Sesselfurzer. Bequemer kann man den Kick nicht haben. Und Bequemlichkeit ist ebenso urmenschlich wie das Streben nach Lustgewinn.

Die Moral ist hierbei eine ganz andere Frage, aber anscheinend jene, auf die sich die Politik jetzt stürzt. Das sollte sie aber lieber lassen, weil sie dabei sich in Widersprüche, Doppelzüngigkeit und Amoral verstrickt. Die Spieleindustrie wirft ihre Software nämlich nicht mit dem Primärziel auf den Markt, die Menschheit zu verderben. Sie tut es, weil die Menschheit diese Spiele k-a-u-f-e-n will. Und weil sich daher mit ihnen gutes Geld verdienen lässt. Genau dies ist in unserem kapitalistischen Wertesystem jedoch legitim, gewünscht und heiß geliebt. Was aber in unserem Wertesystem des Miteinanders nicht legitim ist … — wer entscheidet das? Und wer hat es versäumt, schon vor vielen Jahren etwas zu tun, als dieses Spiele zwar noch mangels technischer Möglichkeiten mit Grobpixelgrafik daher kamen, aber als Idee schon Tausende in den Bann zogen? Wer hat jemals etwas gegen Gotcha bzw. Paintball hervor gebracht? Und soll dieses virtuelle (also unechte) Fratzengeballer tatsächlich amoralischer, hirnzersetzender und abstumpfender sein als völlig reale Gewaltvideos auf Mobiltelefonen? Wer von Amts wegen mit erhobenem pädagogischen Zeigefinger auf die Frühförderung von Medienkompetenz verweist, darf zudem auch die Augen nicht verschließen vor pädophiler Pornographie auf Behörden-Rechnern. Deshalb Politiker, haltet euch heraus, das Eis ist zu dünn, der Grat zu schmal. Und Verbote bringen nichts. Die Quantität der Schrecklichkeiten lässt sich damit zwar regeln. Aber in der Qualität der Grauens werden beim Übergang dieser Spiele in eine illegale — aber letztlich breitbandig erhältliche — Subkultur alle Dämme brechen.

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