Unecht
Gerade hab ich mal kurz darüber nachgedacht, was mich manchmal so an Menschen, die ich in meinem Alltag treffe, stört. Manche sind einem einfach so unsympathisch, ohne dass man weiß, warum, andere findet man auf Anhieb irgendwie cool, die Chemie stimmt einfach. Ab und zu stellt sich heraus, dass der erste Eindruck falsch war, doch erstaunlicherweise bestätigt er sich auffallend oft (jedenfalls bei mir), was entweder auf gute Menschenkenntnis zurückzuführen ist (was auch immer das bedeutet), oder tiefergehende Ursachen hat, die ich erst noch genauer und mit wissenschaftlich Methoden untersuchen muss.
Naja, eine Sache scheint sich jedenfalls herauszukristallisieren: Mir gehen Leute auf die Nerven, die nicht das sind, was sie vorgeben zu sein. Kennt ja jeder: da kommt jemand zur Tür rein, der sich wie ein cooler Gangsta-Rapper benimmt, und augenblicklich merkt jeder Anwesende, dass er in Wirklichkeit nur eine arme, unsichere Wurst ist. Das ist natürlich ein recht simples Beispiel, schwieriger wird’s schon bei Leuten, die ihre Unechtheit dermaßen perfektioniert haben, dass sie selber nicht mehr wissen, wer sie eigentlich sind. Die abgebrühte Geschäftsfrau-Blondine mit Betonfrisur, der total lockere Web-Designer-Typ, der ganz doll gefährliche Rocker, der einem erstmal die Fresse polieren will: klar, die gibt’s auch als echte Versionen. Nur trifft man die so selten. Stattdessen immer nur Abziehbilder, die eben nur so tun, als ob sie was wären, was sie nun mal nicht sind.
Ich muss gestehen und einsehen, dass auch ich früher nicht frei war von solchen Verhaltensweisen. Ist wohl kaum jemand, denn Nachahmung und Imitation scheinen wichtige Funktionen zu spielen bei der Erforschung und beim Finden des eigenen, wirklichen Ichs - schon bei Kleinkindern kann man so etwas beobachten. Als Teenager eifert man seinen Idolen nach und zieht sich an, redet und bewegt sich so wie die Typen, die man vorgesetzt bekommt - heutzutage vorzugsweise durch MTV und Viva. Kein Problem, finde ich, solange irgendwann der Zeitpunkt kommt, an dem man erkennt, dass man lange genug versucht hat, andere nachzuäffen und beginnt, einfach das zu sein, was man eben ist.
Das aber setzt natürlich voraus, dass man weiß, wer man ist. Also eine ehrliche, gesunde, schonungslose Selbsterkenntnis. Und die kann schon mal eher unangenehm sein, jedenfalls stellenweise. Aber eins ist mal klar: hat man erstmal den Absprung vom Standard-Klischee-Abziehbild-Selbstbildnis geschafft, fühlt man sich meistens besser und geht anderen nicht mehr mit seinem peinlichen eingeübten Instant-Ich auf den Geist - vor allen Dingen mir nicht.