Plastik-TV

Was stört mich eigentlich so am Privatfernsehen? Diese Frage stelle ich mir in den letzten Tagen häufiger, nach einigen Selbstversuchen, die ich voller Ekel abbrechen musste. Und das meine ich nicht ironisch, ich empfinde echten Ekel, echte Abscheu, körperliches Unwohlsein, sobald ich gezwungen werde oder mich selbst zwinge, Sat1, RTL, RTL2 und wie sie alle heissen, fern-zu-sehen. Mein unabstellbarer Drang zur Selbsterkenntnis drängt mich nun dazu, herauszufinden, worin die Ursache für diese negativen Gefühle liegt.

Also, was fällt mir auf? Das Plastik-Design. Plastik-Kulissen und Plastik-Menschen. Nicht nur in Soaps oder den ach so tollen Eigenproduktionen (Der Film-Film, Weltpremiere!!!), nein, auch in den Nachrichten, Spiel-Shows, einfach überall. Nichts, aber auch gar nichts, was man sieht, scheint echt zu sein, oder wenigstens so gut gemacht, dass man es für echt halten könnte. Alle haben toll frisierte Haare, sind braungebrannt und gesund, und selbst, wenn sie krank sind, sehen sie auch unecht, eben wie Plastik, aus. Alles Abziehbilder, wie Karrikaturen ihrer selbst.

Nachrichtensprecher, die man am liebsten nur lauthals auslachen möchte, so geleckt und gleichgeschaltet, dass einem das kalte Kotzen kommt. Einstudierte Gesten der Betroffenheit bei schlechten Nachrichten, alles der Quote unterworfen, null Stil oder Individualität, einfach gar nichts. In den Reality-Soaps nur Freaks oder Assis, die einem anscheinend das gute Gefühl geben sollen, dass es tatsächlich Menschen gibt, die noch dümmer oder kaputter sind als man selbst. Nicht imstande, auch nur einen vernünftigen Satz in fehlerfreiem Deutsch auf die Reihe zu kriegen.

Warum sehen sich Menschen sowas freiwillig an? Mangels Alternativen, oder weil es ihnen vielleicht sogar gefällt? Glauben die Zuschauer, dass das, was sie da sehen, eine tatsächliche Abbildung der Realität zeigt?

Fernsehen ist in den letzten Jahren zu einem perfekteren Instrument der Verdummung und Lenkung der Massen geworden, als es sich Goebbels in seinen kühnsten Träumen hätte ausmalen können. Hier wird nicht Unterhaltung und Information geboten, hier werden Weltbilder geschaffen. Heidi Klum ist schön, Al-Qaida ist für alles Böse in der Welt verantwortlich (einschließlich schlechtem Wetter), die neue CD von Robbie Williams muss man seiner Frau schenken - so einfach kann das Leben sein. War ja schließlich im Fernsehen.

Was die Bild-Zeitung im Print-Bereich anrichtet, macht das Privat-Fernsehen durch die Glotze und das Format-Radio im Äther. Gleichgeschaltete Einheits-Berieselung, die zur totalen Verdummung der Zielgruppe führt. Wenn man paranoid ist, vermutet man dahinter Methode. Wenn nicht, geht es einem wie mir: es wird einem einfach nur schlecht. Abschalten!

Ein Kommentar zu “Plastik-TV” »»

  1. Uwe
    Comment von Uwe | 11/03/06 at 10:22 am

    *Television, the drug of a nation — breeding ignorance and feeding radiation.*

    (The Disposable Heroes of Hiphoprisy, 1992)

    Das Licht im Schatten: Das Privatfernsehen ist ob seiner nichtssagenden Beliebigkeit eher frei von dem Dünkel, zur manipulativen Plattform der (Medien-)Politik zu werden. Denn bei diesen Sendern geht es nur um Marketing und Kohle, sonst nix.

    Ob in dieser Hinsicht das halbstaatliche Bezahltfernsehen im Kampf um Quoten und Marktanteile auf lange Sicht die bessere Alternative ist, ist gruselnd abzuwarten.

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