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Digital Vehicular Death
Ja, ich studiere die wöchentlichen Non-Food-Angebotspaletten unserer Discounter gern. Weil ich sie für einen glaubhaften Querschnitt durch die deutschen Konsumbegehrlichkeiten halte. Heerscharen von VWL-gestählten Einkäufern bei Lidl, ALDI, Plus und Co. können schließlich nicht irren. Und wöchentlich stelle ich fest, dass meine eigene Haben-Wolllust dem Querschnitt quer zuwiderläuft oder ihn allenfalls in Grenzbereichen touchiert.

Dies ist eine eigentlich wertneutrale Selbsterkenntnis – käme nicht traumatisierend hinzu, dass ich kein Auto besitze. Denn kann ich einige zweifelhafte Produktofferten des Vermarktungszirkus gerade noch halbwegs intuitiv begreifen, so setzt diese Fähigkeit bei Kopplung an den Wahn des Automobilismus häufig aus. Was dann, so wie am letzten Sonntag, meinem Selbstbild als adaptionsfähiges Menschentier ziemlich zusetzt. Denn am letzten Sonntag stellte ich fest: Neuerdings braucht man im Auto ein Radio, der auch DVD-Player ist. Aha und gut. Denn so ein Gerät könnte ja noch halbwegs Sinn machen, wenn man – denn so weit reicht mein digitaltechnisches Grundverständnis gerade noch – ihn mit einer DVD voller MP3-Files fütterte, um sich in den sedierenden Sog unendlicher Musikdatenströme zu begeben, deren Gesamtlaufzeit dann durchaus auch für eine Interkontinentalfahrt von Stuttgart nach Schanghai taugte.
Wozu aber benötigt man – wohlgemerkt im Auto! – einen optischen Dolby-Digital-Ausgang, eine PAL/NTSC Umschaltung und eine Infrarot-Fernbedienung? Und, als krönende Kardinalfrage: Müssen Autoradios jetzt ein TFT-Mäusekino haben, damit man Mad Max auch auf der A 43 zwischen Herten und Herne der Endzeit davonrasen sehen kann? Es kann natürlich sein, dass ich die Sache wieder mal zu plump-naiv betrachte. Es kann auch sein, dass ich vielleicht im Grunde eher spaßphob bin. Es kann wiederum auch sein, dass ich zu sehr und zu spießig an den Regeln der STVO hänge. Es ist aber gewiss so, dass der autofahrende Unterhaltungsbürger mit dem titelnden Neil Postman-Postulat von 1985 zwanzig Jahre später in einer ungeahnt brachialen Beweiskraft kollidiert: Wir amüsieren uns zu Tode.