Falsett me, Baby
Geliebt und gehasst - Falsett-Gesang polarisiert. Allerdings lässt sich zur Zeit eindeutig wieder mal ein Trend hin zum unnatürlich hohen Männergesang ausmachen. Woran das liegt? Keine Ahnung. Scheint so etwas wie eine Modeerscheinung zu sein, eine Welle, die alle paar Jahre mal hochschwappt und die Popmusik-Freunde in aller Welt feuchtfröhlich nass macht.
Was Falsett-Gesang ist? Also, laut wikipedia ist die landläufige Bezeichnung dafür “Kopfstimme” und bezeichnet wohl das, was herauskommt, wenn ein Mann so singt wie eine Frau, jedenfalls von der Tonhöhe her. Wer ein aktuelles Beispiel dafür benötigt, sollte sich mal “Don’t feel like dancing” von den Scissor Sisters anhören, ein Song, in dem Falsett-Gesang in reinster und feinster Form dargeboten wird - nebenbei ein echt spaßiger Song. Die Bee Gees fallen mir dazu auch noch ein, die fand ich persönlich allerdings gesangsmäßg eher daneben - von den beknackten Föhnfrisuren mal abgesehen, die waren noch schlimmer.
In den 80ern war Falsett natürlich in der Heavy-Metal-Poser-Szene ein absolutes Muss. Mit Grausen erinnert man sich an platin-blondierte Sangesschwuchteln, die offensichtlich im falschen Geschlecht geboren waren. Und weil ich weiß, dass hier auch Leute mitlesen, die meine Biografie kennen, gebe ich natürlich zu, dass auch ich mich diesem Trend nicht ganz entziehen konnte…. naja, Schwamm drüber - ich war jung und brauchte das Geld - bekam es bloß leider nicht. Aber lustig war’s trotzdem.
Dann gab’s noch Freddie Mercury, einen Meister des Falsett-Gesangs, der sich allerdings davon abwandte, bevor ihn die breite Öffentlichkeit wahrnahm - soll heissen, seine besten Gesangsleistungen finden sich auf Platten / CDs, die nicht so ganz viele Leute kennen.
Als Ende der 80er Jahre Grunge den Musikmarkt überflutete, war es plötzlich total cool, dass Männer so singen, wie Männer nun mal sind: tief, rauh, roh, “echt” - männlich eben. Die Eunuchen-Blondies verschwanden in der Versenkung, und alle, mich eingeschlossen, waren froh, endlich mal Ruhe zu haben vor dem ganzen pseudo-weiblichen Gejaule. Aber auch das betont Männliche geht einem irgendwann mal auf die Nerven, und so hatten auch die Grunge-Heroen nur eine begrenzte Haltbarkeit, was natürlich nicht ursächlich mit der Qualität des Gesangs oder der Musik zu tun hat, sondern, wie immer im fucking Music-Business, mit Marketing und den doofen Konsumenten, die in immer kürzerer Zeit immer neue Attraktionen brauchen.
Und heute? Pearl Jam gibt’s immer noch, außerdem ‘ne Menge gut singender Frauen, und - Falsett ist auch wieder gesellschaftsfähig! Ich für meinen Teil finde Falsett-Gesang immer noch geil - wenn er von Könnern gemacht wird. Ich steh aber auch auf Johnny Cash, wenn er “Hurt” singt, oder auf das gegrunzte “In the Neighbourhood” von Tom Waits. Letzendlich kommt’s doch nur drauf an, dass einen der Gesang kickt - also vertraut eurem eigenen Geschmack. Soviel Auswahl wie heutzutage gab’s jedenfalls noch nie.