Die Zeit vergeht, der Einsatz auch
Neulich beim Discounter des Vertrauens, Sichtung von Menschen und ihres Paarverhaltens in freier Wildbahn: Sie die gepflegte Blondine mit Brille, leicht verunsicherter Habitus ob ihrer unterdurchschnittlichen Körperlänge bei dezenter Korpulenz. Eben ein wenig die Sorte, die unter den nervlichen Aufgedrehtheit eines 12/12-Dauer-PMS zu stehen scheint.
Er der durchaus nicht unsportlich scheinende, dunkelhaarige Jeanshosenjacken-Träger, dem man aber rein physiognomisch ohne weiteres zutraut, alsgleich die Wandergitarre zu zücken, um in nasaler Gleichgültigkeit ein von jeder Illusion auf Besserung des Daseins befreites *I just don‘t know what to do with myself* anzustimmen.
Gleich am Eingang für ihn die Höchststrafe, nämlich das Plastikflaschen-Leergut zu entsorgen. Was wiederum eigentlich gar nicht so drastisch ehrverletzend wäre, müsste er es nicht aus einer dieser aparten Douglas-Pastellton-Shoppingbags mit Schultertragekordel dem Automaten zuführen. Drei Meter später die stille Revanche beim Nachbunkern des Getränkevorrats. Sie ächzend unter einer Last von einem Sixpack 1,5-Liter-Flaschen, das sie von ganz oben auf der Palette — also nahezu überkopf — in den Wagen wuchtet. Er ganz aktiv unbeteiligt. *Ehhh, wozu hab ich denn eigentlich ‘nen Mann?* tönt es tief frustriert aber laut hinter den Softdrink-Kanistern hervor.
Ich schiebe mich davon und beurteile auf meinem weiteren Rundgang unparteiisch den Stand der Werte dieses Zweikampfes. Votum: Trotz der perfiden Schicksentüten-Demütigung und trotz ihrer Blondheit behält sie absolut Recht, denn ein gewisses Maß an Rest-Ritterlichkeit muss bei ihm einfach bleiben. Und sei es nur, um sich eines Tages ganz heldenhaft die Schuld für eine gescheiterte Beziehung auf die starken Männerschultern zu laden.