Juvenil-imaginäre Kapitalkriminalität
Als ich vorgestern durch die Hitze der Kleinstadtstraßen radelte, schnellte ich an zwei Jungs vorbei, Kumpels offenbar, die in Gegenrichtung dahin schlenderten: Der eine hielt dabei den etwas jüngeren anderen in einem sanften Schwitzkasten umarmt und berührte mit dem Zeige- und Mittelfinger der freien Hand dessen Schläfe. Zu diesem Bild nahm ich folgenden Halbsatz auf: *… und dann halte ich dir die Knarre an‘n Kopf, weil ich bin der Geiselnehmer und du …!* Ich konnte nicht hören, was da noch kam, denn da war ich schon vorbei. Ich wollte auch nicht hören, was da noch kam, denn dann wäre ich — trotz hoher Geschwindigkeit und entsprechend wirkender Zentrifugalkräfte — womöglich stumpf vom Rad gekippt. Ich fragte mich allerdings spontan: War das jetzt echt? Und wenn es echt war, hatte es dann nur mit der Hitze zu tun? Oder doch etwas mit TV-Funk, laschen FSK-Restriktionen, Ego-Shootern, Downloads, deutschem Aggro-HipHop oder Eltern, die sich nicht wirklich darum scheren, was ihre Kids so tun, machen oder konsumieren. Keine Ahnung. Vielleicht hat es auch mit mir zu tun. Aber ehrlich: Auch im nachhinein würde ich nicht anhalten und den Geiselnehmer danach fragen. Wahrscheinlich sind‘s Berührungsängste. Berührungsängste vor der Tatsache heutzutage Kind zu sein — oder sein zu müssen.